Sonntag, 19. Dezember 2010

67 Styropor ist nützlich

Und weil das so, und Styropor außerdem sehr teuer ist, stellt Johannes es für mich auf einer Webseite für kostenlose Sachen und Dinge ein. Es gibt gleich einige Interessenten. Vor ein paar Tagen bereits habe ich elf der Styropor-Platten an einen jungen Mann verschenkt, dessen Onkel damit seine Garage dämmen möchte. Gestern abend nun bekomme ich noch eine neue Anfrage in mein email Postfach:

"Guten Tag,
ich wollte wegen der Styroporplatten nachfragen. Sind da noch welche zu haben?
Ich bräuchte für ein Kunstprojekt Styrporplatten, die ich auch in verschiedene Formate zurechtschneide.
Vielleicht bin ich schon zu spät dran, habe die Anzeige erst jetzt im Netz entdeckt.
Es würde mich aber freuen, wenn Sie mir auf jeden Fall eine kurze Rückmeldung geben könnten.
Schöne Grüße
Alois Späth"

Ich schreibe sogleich zurück, es seien noch Platten da, und gebe meine Telefonnummer an. Eine Minute später klingelt das Telefon.
"Ja?"
"Guten abend, ich rufe wegen der Styroporplatten an."
"So spät?!" frage ich, ein wenig entrüstet, denn es ist bereits nach 23.00 Uhr, keine Anrufzeit für Fremde, denke ich mir.
"Sie haben mir doch gerade eine email geschickt, da dachte ich, kann ich grad noch anrufen."
Auch wieder wahr.
"Ja, stimmt natürlich."
"Ich würde mir gern ein paar Platten abholen, bräuchte jedoch nur etwa fünf Stück. Geht das?"
"Nur fünf? Wofür brauchen Sie sie denn?"
"Für eine Klanginstallation." sagt er und erklärt mir kurz, was er damit vorhat.
Mir gefällt, dass Überreste meines Häuschens der Kunst dienlich sein können.
"Ja, klar. Fünf gehen auch. Woher kommen Sie denn?"
"Aus Charlottenburg."
"Ich wohne in Hermsdorf."
Betretenes Schweigen. Mir fällt auf, dass mein Gesprächspartner denken könnte, ich meinte ein Dorf außerhalb Berlins.
"Im Norden, kurz vor Frohnau. An der S1." konkretisiere ich.
"Ah." antwortet er, und ich meine, Erleichterung herauszuhören.
 "Wann wäre es Ihnen denn Recht?" will er wissen, und wir verabreden, dass ich ihn am nächsten Tag nach meiner Fahrt nach Spandau der Einfachheit halber am S-Bahnhof abhole, weil es zu Fuß doch ein wenig unbequem ist, vor allem zurück, mit den Platten unterm Arm.
"Also, dann bis morgen, 17.04 Uhr, am Ausgang Schlossplatz."
"Bis morgen."

Nachmittags fahren Johannes und ich los. Ein Freund borgt mir zwei Katalyt-Öfen, damit ich das Häuschen heizen kann. Es ist doch recht frisch geworden in den letzten Tagen, heute nacht sollen es -20°C werden. Auf dem Weg von Spandau zurück passieren wir eine Filiale einer bekannten Fastfood-Kette.
"Mama, bitte, können wir uns nicht was holen da? Bitte! Ich lauf auch rein, und mache ganz schnell!" Seit einer Woche habe ich schon Appetit auf Pommes mit Mayo. Ich kann Johannes nicht widersprechen.
"Beeil dich, um 4 nach 5 muss ich am S-Bahnhof sein."
Er beeilt sich. Stilvollendet verzehren wir das erworbene Fastfood während der Fahrt. Es schmeckt lecker, kann man nicht anders sagen. Alle paar Monate freuen wir uns über diese Form der Nahrungsdarreichung. Mein Handy macht mich seit einer halben Stunde auf den fast leeren Akku aufmerksam. In der Eile versäume ich, die Nummer von Alois auf Johannes Handy zu übertragen. Nun fiept es ein letztes Mal, und geht dann aus.
Ich setze Johannes zu Hause ab und düse zum S-Bahnhof. 4 Minuten zu spät. Ich rechne damit, dass Alois ja noch eine Minute zum Ausgang braucht, drei Minuten Verspätung sind ja auszuhalten, selbst bei der Kälte heute.
Als ich auf den Bahnhofsplatz einbiege, sehe ich dort schon einen Mann warten. Ich halte direkt vor ihm und öffne schwungvoll die Beifahrertür.
"Hallo! Sorry, ich bin ein bisschen verspätet. Ich komme direkt aus Spandau!"
"Aus Spandau?" wundert sich der Mann, er hat das wohl vergessen, und ergänzt "Ist völlig OK, ich warte ja noch nicht lange. Hallo erstmal."
"Na dann, steig mal ein."
Das tut er. Wir schütteln uns zur Begrüßung die Hände.
"Bitte anschnallen. Kann sein, dass der Gurt in der Tür eingeklemmt ist" setze ich nach, als ich sehe, dass sein Ziehen am Gurt keinen Erfolg zeigt.
So ist es auch. Er schnallt sich an und ich fahre los.
"Und, wie war die Fahrt?"
"Gut. Es gab keine Verspätung. Die S-Bahn ist pünktlich gefahren. Umsteigen ging gut, ist prima gelaufen."
"Wow!" staune ich "Wirklich? Bei dem Wetter hätte ich das gar nicht vermutet. Wie lange hast du denn gebraucht?"
"Eine Stunde." sagt er. "Das geht, letztes Mal habe ich anderthalb Stunden gebraucht."
Ich wundere mich ein bisschen. Ich dachte, er kennt Hermsdorf noch gar nicht. Na, dann habe ich das wohl falsch verstanden. Ich mein, wenn er schonmal hier war.
"War da Schienenersatzverkehr? Oder warum hat es so lange gedauert?"
"Ja, mit Umsteigen in einen Bus, und später zurück in die S-Bahn."
Na also, er war wirklich schon hier.
"Oh, ich habe jetzt gar keine Taschenlampe mit, fällt mir gerade ein. Ich hoffe, wir können die Platten deutlich genug sehen." gebe ich zu Bedenken.
"Ach, geht schon, so dunkel ist es ja noch nicht." erwidert er.
Ja, da hat er wohl Recht. Geht schon. Muss ja, denn die Lampe liegt nunmal zu Hause, in meiner anderen Tasche.
Während ich uns durch die verschneiten Hermsdofer Straßen manövriere, schweigen wir ein wenig.
"Was für ein Kunstprojekt ist das denn genau, was du da machst?" versuche ich ein Gespräch zu knüpfen.
"Wie? Kunstprojekt?" fragt er und schaut irritiert aus.
"Na, das Projekt für das du die Styroporplatten brauchst." anworte ich. "Die Klanginstallation."
Komischer Kauz. Etwas vergesslich wie mir scheint.
"Ich frage mich gerade, ob ich im richtigen Auto sitze..." sagt er, und schaut mich ratlos an.
"Was? Wieso? Äh, wie heißt du denn?"
"Michael."
"Nein! Was?? Michael? Ich wollte einen Alois abholen!" Ich lache laut auf. "Super!"
"Oh.. das gibt's ja nicht!" findet Michael. "Das darf man ja niemand erzählen."
"Aber ja doch. Das ist doch eine geniale Geschichte!!" freue ich mich, während ich den Wagen wende. "Dann fahren wir mal zurück. Ohje, der arme Alois, ob der wohl noch da ist?" Mein Handy ist ja bedauerlicherweise leer.
"Kennst du denn den, den du abholen wolltest, gar nicht?"
"Nein! Wir haben nur telefoniert? Und du?"
"Ich dachte, du bist die Tochter meiner Freundin. Hoffentlich ist sie noch am Bahnhof. Ist das peinlich."
Gut, dass ich mir Peinlichkeit abgewöhnt habe.
"Ach was, das ist die beste Geschichte des Tages." freue ich mich ungebrochen.

Als ich Alois suche, finde ich ihn nicht. Der Arme. Den ganzen Weg umsonst gemacht, wie frustrierend das sein muss. Schnell fahre ich nach Hause. Als ich ihn von Johannes Handy aus erreiche, eröffnet er mir, dass er erst in Wittenau ist. Die S-Bahnen hatten Verspätung. Puh, Glück gehabt, Alois. Und besonders ich.

Johannes und ich winken Alois nach, als wir ihn später mit seinen Styroporplatten am S-Bahnhof absetzen. Styropor ist nützlich. Für die Kunst ebenso wie für die Geschichten, die mein Leben schreiben.

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