Heute morgen bin ich ein wenig nervös. Wie hat Werner wohl entschieden? Wie geht es weiter mit dem Ringanker? Mauern sie? Oder nicht? Als ich aufwache, springe ich sofort aus meinem Bett und gehe schnurstracks zum Telefon. Werners Anschluss ist besetzt. Da weiß ich, dass er gerade für mich telefoniert. Natürlich weiß ich es nicht, und doch weiß ich es, und deshalb beschließe ich zu warten. Nach 10 Minuten ruft er an.
"Hallo und einen guten Morgen!" grüßt er mich, und da weiß ich schon, dass es nichts wird mit der Mauerei. Natürlich weiß ich es nicht.
"Weißt Du," holt er aus, "ich habe heute nacht noch Fachbücher gewälzt, und mich heut um halb sechs mit Rolf besprochen. Wir haben eben noch telefoniert. Ich kann es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Es ist zu kalt. Das Risiko ist zu groß. Das kann ich nicht vor mir verantworten."
"Ja Werner, das kann ich verstehen." sage ich, denn das tue ich. Die Wörter fühlen sich an wie Watte in meinem Mund. Ein kleiner Film läuft in meinem Gehirn ab, und ich zeige derweil Ludwig, der mich gespannt anschaut, den Daumen nach unten. Reglos nimmt er diese Information auf.
"Es ist einfach zu kalt."
"Aber am Wochenende sollen Plusgrade kommen" sage ich, so als ob ich ihm einen neuen Aspekt eröffnen könne, der alles richtig rücken kann.
"Das tut nicht viel, das Material ist ja auf Minus eingefroren. Jeglicher Versuch den Beton zum Binden zu bringen, scheitert daran. Selbst wenn wir die Steine vorher anwärmen. Das wäre eine Möglichkeit, wir müssten die Steine drinnen aufwärmen, mit dem Brenner die Schicht draußen anwärmen, ach, aber das sind alles Notkrücken. Möglich wäre es vielleicht. Warten wir mal ab."
"Ja." Mir gefriert meine Stimme, wird brüchig, so wie die Steine und der Beton von dem wir reden.
"Ich weiß wie enttäuschend das für Dich ist, aber ich kann nicht anders entscheiden. Und vielleicht wird das Wetter ja wieder besser."
Die 16-Tage Vorschau vermittelt ein anderes Bild. Aber, man weiß ja nie.
"Das Wetter kann ja auch anders werden, als sie ansagen." versucht Werner mich zu ermutigen.
"Ja, Werner, das weiß ich und ich danke dir sehr für deine Entscheidung. Ich weiß, dass sie dir schwer fällt."
"Ja, Christiane. So ist das manchmal. Wetter ist Wetter. Lass das Nachdenken sein, das hilft nicht."
Allein der Gedanke, dass er nach seiner Sause mit einem Freund gestern Abend um halb 12 nachts noch Fachbücher für mich wälzt, und schon um halb sechs Uhr früh wieder in meiner Angelegenheit telefoniert, rührt mich zutiefst. Wieviel Liebe zu seiner Aufgabe darin steckt. Der Mut, diese nachhaltig schwierige Entscheidung zu treffen, beschert ihm meinen Respekt und meine Dankbarkeit.
Als ich den Hörer auflege, stehe ich da, einfach so. Die Gedanken rattern mir durch den Kopf. Kein Ringanker, ab nächster Woche kalt und kälter, kein Dach, Weihnachten, Feiertage, kein Dach, alles nass, kalt und klamm, offener Rohbau.
"So eine ---(zensiert)---!" heule ich auf. "Warum mache ich das alles? Nichts klappt. Ein Tag, nur EIN Tag fehlt. Das kann doch nicht wahr sein! Keine Mauer, kein Dach und noch nichtmal der Gasanschluss. Dann kann ich es auch ganz lassen. Alles geht doch kaputt. Ich kann nicht weiter machen. Im April einziehen kann ich vergessen."
Ludwig lächelt still und verständnisvoll.
"Nu b'ruhig dich amal. Wer weiß, v'lleicht wirds Wedder no besser. V'lleicht kriagn sies ja doch no ferdich. Wart amal ab."
Während ich Frühstück bereite, achte ich außerordentlich auf meine Gedanken und Gefühle. Dabei bemerke ich, dass es eine große Bereitschaft in mir gibt, mich der Desillusion, Enttäuschung und Unzufriedenheit hinzugeben. Und genau das beschließe ich zu vermeiden. Stattdessen pflege ich ununterbrochen bewusst eine künstliche, völlig grundlos optimistische Haltung. Jedes Mal, wenn sich meine Gedanken pessimistischen Inhalten zuwenden, stoppe ich sie, und denke: "Optimistisch bleiben. Es wird gut. Ich bekomme mein Dach, noch vor Weihnachten, wie geplant. Grundlos optimistisch bleiben."
Mittags klingelt das Telefon.
"Hallo, hier ist Werner."
"Werner?! Was gibt's?"
"Ich hatte da vorhin so eine Idee. Man macht das bei Klempnerarbeiten, wenn es friert. Und ich habe überlegt, wir könnten das für uns nutzen. Es gibt da so Wärmedrähte, mit denen umwickelt man die Leitungen, damit sie nicht frieren."
"Ja?"
"Und da habe ich mal ein bisschen rumtelefoniert."
"Ja?"
"Im ersten Geschäft hatten sie welchen, aber nur zweimal 3 Meter. Das ist zu wenig."
"Ja?"
"Im nächsten Geschäft hatten sie ihn gar nicht."
"..."
"Und dann bin ich zu einem dritten gefahren. Dort habe ich zweimal 9 Meter gekauft. Die mauern wir mit ein. Später kann man sie abschneiden."
"Ja?" Ich wage kaum, etwas anderes zu sagen. "Das ist ja toll!!!"
"Montag fangen wir an."
"Wirklich? Werner! Ja? Montag?"
"Wann kommt der Zimmermann?"
"Am Donnerstag."
"Montag, Dienstag, Mittwoch. Passt. Drei Tage muss der Beton aushärten. "
"Ja!"
"Na, dann sehen wir uns Montag."
"Werner, du bist ein Schatz!"
Werner lacht verlegen. Aber er widerspricht mir nicht. Zu Recht.
Ich hüpfe im Kreis und juchze. Wie gut, dass ich auf grundlosen Pessimismus verzichtet habe. Nicht nur, dass ich den Morgen so gut überstanden habe mit meinem gepflegten grundlosen Optimismus, es hat sich sogar aus dem Nichts eine so unerwartete Lösung ergeben, dass ich darauf sowieso nicht hätte kommen können. Irgendwie schwant mir ein Zusammenhang. Aber natürlich weiß ich es nicht.
P.S. Mein online Horoskop hat schon die letzten Tage immer gut getroffen. Dieses hier will ich mir merken:
You may need to make an important decision regarding issues concerning work or wellness today, Libra, and it would be a good idea for you to get a broader overview of the situation before you make that decision. Rather than thinking the issue to death, get an expert opinion, and be willing to take action on the basis of your acceptance or rejection of this opinion. This is especially true if this is an issue concerning a co-worker, or someone working for you. Don't use this decision making process as an excuse to put off a commitment today.
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