Nachts werde ich wach, drehe mich von einer Seite zur anderen, liege rum, drehe mich zurück, bis ich mal auf die Uhr schaue und feststelle, dass es erst 0.30 Uhr ist. Um 23.00 Uhr war ich, ausgesprochen früh, zu Bett gegangen, schwer zuversichtlich, am nächsten Morgen solide ausgeschlafen zu sein. Und nun sowas.
Nicht genug damit, dass ich nicht schlafen kann und meine kostbare Restaurationszeit mit unnütz wach Rumliegen vergeude. Ich entwickle, im Dunkeln liegend, plötzlich ein ausgewachsenes Angstgefühl. Hals und Herz sind wie zugeschnürt. Angst und Alleinsein, mit einem Mal erscheinen mir ausreichend dubiose Gründe, die mich berechtigen, mich miserabel zu fühlen. Trübe Gedanken sausen durch meinen müden Kopf, bevor ich überhaupt feststellen kann, dass ich denke.
Nun ist es ja nicht das erste Mal, dass ich mich mit solcherlei Zuständen beschäftigen darf. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass der Gedankenbrei nicht heiß gegessen werden sollte. Immer, wenn ich das nämlich getan habe, hab ich mich verbrannt.
"Kalt werden lassen die Suppe, Christianchen" denke ich so bei mir und ertappe mich dabei, wie ich mich in Sorgen verfange, an die ich wenige Stunden zuvor nichtmal gedacht habe.
"Wenn das Budget nun nicht reicht..."
"Wenn ich nicht fertig werde..."
"Und was, wenn mir niemand mehr hilft, wenn alle krank werden?"
"Was wenn.... oder falls... es könnte doch auch sein, dass..."
"Stopp mal, Kleine, was denkst Du Dir denn da gerade aus?"
"Ich... weiß auch nicht... ich mein nur, könnte doch sein... und dann stehe ich da. Und ich bin ganz alleine. Nichtmal meine Familie interessiert sich für mich. Schon gar nicht für mein Haus. Nichtmal jetzt. Keiner fragt. Es ist allen völlig egal. Keinen interessierst Du."
"Wie?? Das stimmt doch gar nicht. Ich hab doch so tolle Helfer. Welch ein Glück ich hab!"
"Ja, und? Deine Familie interessierst Du einen feuchten Kehrricht. Keiner ruft an und fragt, wie es geht. Seit Wochen nicht. Ach, eigentlich schon immer."
"Schon immer? Wie kommst Du denn darauf?? Das ist nun wirklich übertrieben."
"Du bist ihnen egal."
"Sie lieben mich, das weiß ich."
"Jaja, nur kommen sie Dich nicht besuchen. Du bist ihnen egal."
"Also nee, das geht zu weit. Wirklich. Sie sind eben nicht so flexibel. Und nach Berlin ist es immer weiter als andersherum."
"Alleine. Ganz alleine."
"Und wenn schon. Lass mich in Ruhe."
"Ganz allei-ei-eine."
"Na, das ist nun wirklich übertrieben. Hab ich schon gesagt."
"Nein, ist es nicht."
"Doch, ist es wohl."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
"Doch."
"Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein......Nein mal Tausend..."
Es hilft nicht. Das Gefühl der Beklemmung geht nicht weg. Schon gar nicht, indem ich es ihm befehle.
"Geh jetzt weg."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
"Doch."
"Nein."
Ich gebe auf. Und konzentriere mich jetzt voll auf das Gefühl. Irgendwie spannend und höchst interessant. Wie kann etwas so massiv Unangenehmes so völlig unvermittelt in meinem Körper als Gefühl auftauchen? Ohne Grund? Ohne plausiblen jedenfalls.
Ich lokalisiere es in meinem Bauch, ums Herz herum bis hoch in den Hals. Es fühlt sich an wie zugeschnürt. Mein Herz klopft, mein Puls ist bestimmt beschleunigt. Schlaflangsamen Atem habe ich auch nicht. Und dann probiere ich aus, was mir jemand mal geraten hat. Ich fand ja immer, dass es ein bisschen peinlich klingt: Umarme Deine Angst.
"Ähm. Hallo Angst."
"_________"
Sie quetscht sich zwischen meinen Rippen hindurch und setzt sich einfach auf meinen Brustkorb. Ich kriege kaum Luft.
"Hallo. Schön, dass Du da bist Angst."
"__________________"
Ich glaube sie merkt, dass ich lüge. Und macht sich gleich noch ein bisschen breiter.
"Also gut, ich find es nicht schön, dass Du da bist. Ich fühle mich sehr unwohl."
"__________________ Na und? Zu recht."
"Och weißt, Du. Komm mal her. Ich möchte Dich in meine Arme schließen. Du arme kleine Angst. Bist so alleine, dass Du nachts fremde Leute besuchen musst. Komm her, ich wärme Dich."
"----------------------"
Ich stelle mir die arme Angst jetzt vor. Klein, mutlos, völlig verängstigt. Ich empfinde wirklich Mitgefühl mit ihr.
"______???___"
Sie stutzt. Bleibt aber stur sitzen.
Mir ist das egal. Sie tut mir leid. Dann soll sie da halt sitzen. Irgendwann wird sie schon wieder gehen.
"Ich mag Dich trotzdem."
"_____???_"
"Ich mag Dich."
"_________"
Sie hat nicht viel zu antworten. Deshalb sage ich nichts weiter. Stell mir nur einfach vor, wie ich sie umarme. Ich atme. Ich lächle oder wenigstens so etwas in der Art. Eine Gesichtsentspannung bekomme ich grad so hin.
"Dass Du jetzt da bist, ist völlig Ok. Du darfst dann jetzt auch wieder gehen. Danke!"
Der Wecker hat noch nicht geklingelt, und ich bin schon wieder wach. Die Angst ist noch da, und sie hat ihre Freunde geholt, wie es scheint. Ich frag gar nicht mehr. Ich nehme sie einfach alle in den Arm.
Ich fühle mich wie durch den Wolf gedreht. Egal. Wir haben uns alle lieb. Piep piep piep.
Bei mir piepts. Oder? Es läuft alles super klasse und ich fühl mich schlecht. Ist mir auch egal. Nach dem Aufstehen fahre ich jetzt zum Haus.
"Ah, die Bauherrin. Darf ich mal, ach, sie hat das Talent, immer im Weg zu stehen."
"Kann ich irgend etwas helfen?"
Ich überhöre die Bemerkung, obwohl meine Angst sich gern weiter mit diesem Sätzchen unterhalten hätte. Ich weiß, es sollte ein Witz sein.
"Soll ich den Schutt weg karren?"
"Ja, warum nicht?"
Und so karre ich Schubkarre für Schubkarre in den Container. Fege, schippe, mache die Baustelle sauber.
Nach zweieinhalb Stunden wende ich mich wieder an meine Angst. Aber sie ist gar nicht da. Gute Laune sieht anderes aus, aber Angst ist es jedenfalls nicht mehr. So viel steht fest.
Ich bin beeindruckt.
Das war bestimmt Zufall.
Als ich mich durch den steinigen Boden gebuddelt und den Fundamentgraben fast fertig habe, entdecke ich ein freiwilliges, unabhängiges Lächeln in meinem Gesicht. Das freut mich, kann ich so sagen. Als ich später nach Hause komme, teilt mir mein Lieferant für Fenster auf dem AB mit, dass die Terminierung für meine gestern abend bestellten Fenster doch schon auf KW 50 liegt. Obwohl vor KW 1-2 gar nicht damit zu rechnen sein konnte.
Was bin ich nur für ein Glückskind!
Abends im Dunkeln tritt Ludwig einen Schritt daneben und rutscht ab in den Fundmentgraben, den ich gegraben hab. Sein Knie schwillt an.
Ich beschließe, meine zuvor am Tag geäußerten Sorgen ausdrücklich zu entkräften.
"Ich habe immer mehr Geld als ich brauche. Alle sind munter und gesund, um mich tatkräftig zu unterstützen, so dass alles im April fertig ist."
Und wo ich schon grad dabei bin, meine Glaubenssätze auf Vordermann zu bringen, hänge ich noch einen feinen Nachsatz an:
"Mein Haus wird noch viel schöner, als ich es mir jetzt vorstellen kann. Danke : )"
Und am Wochenende, da rufe ich meine geliebte Familie an.
2 Kommentare:
Ich habe eher den Eindruck, dass Du Deine Angst selbst beschwörst.
Alleine? An Johannes' Stelle wäre ich jetzt empört. Und er ist gewiss nicht der Einzige mit Empörungsanspruch. ;)
Im Software-Projektmanagement gibt es seit ca. 10 Jahren ein neues Paradigma namens "Agilität". Das bedeutet u. a., dass wir uns zwar darauf vorbereiten, dass es Probleme gibt, diese aber erst dann lösen, wenn sie wirklich aufgetreten sind. Mit einem anderen Bild: Trainiere Deine Muskeln, aber laufe erst los, wenn der Startschuss gefallen ist. :)
Gruß Uwe
Lieber Uwe,
vielen Dank für deinen Beitrag.
Ja, natürlich ist diese Art von Angst selbst beschworen. Genau das beschreibe ich ja in meinem Eintrag.
Es gibt, denke ich, überhaupt keinen Anlass, für niemanden, sich darüber zu empören. Diese Art Gefühle, ebenso wie Depressionen, kommen absolut grundlos daher. Sie sind anfangs eigenständig, und rational sind sie eher schwer zu steuern. Agilitätskonzept hin oder her.
Deshalb beschreibe ich auch die Technik, das Gefühl einfach anzunehmen. Sobald man aufhört, es abzulehnen, und es dafür annimmt, löst es sich meiner Erfahrung nach sehr schnell auf.
Die schwierigen Gefühle sind gar nicht das Problem, habe ich entdeckt, zum Problem werden sie erst in dem Moment, in dem wir anfangen, darunter zu leiden. Und ob wir leiden, entscheiden tatsächlich nur wir selbst.
Das schreibe ich zur Ermutigung aller, die auch gelegentlich mit schwierigen Gefühlen zu tun haben.
Liebe Grüße,
Christiane
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