Dienstag, 16. November 2010

50 Vorwärts in die Vergangenheit

Endlich steht die Sperrmüllkippe an der Straße. Gleich neben dem Gemischter Bauschutt Container. 10CDK. Weißte Bescheid. 10 Kubikmeter, Container, Deckel, Klappe. Als sie geliefert wurde, habe ich aber gleich ein Schloss daran angebracht. Womöglich würde sich der Müll sonst wieder vermehren. So wie vorgestern, als mein Bauschutt über Nacht zwei kleine Junge bekommen hat, unversehens, niemand weiß welcher Storch sie gebracht hat, lagen sie da, 2 Säcke mit Fremdbetonresten, eingebettet in das Nest des Schutts aus den 1940er Jahren. Da kommt man doch nicht auf den Gedanken, dass ein so altes Haus noch gebähren könnte. Selbstbestäubend? Na egal. Ab jetzt schließe ich dann ab.

Ludwig ist schon auf der Anreise. Und er hat Kuchen angekündigt. Ich weiß gar nicht, wie ich das fassen soll. Da kommt er von knapp 400 Km Entfernung angereist, jede Woche, um mir zu helfen, einfach so. Und als wäre das nicht genug der wunderbaren Freude, bringt er sogar noch selbstgebackenen Kuchen mit. Und Monika hat ihm zudem auch noch Geschenke für mich eingepackt. Ich bin so gerührt, dass... ach, was soll ich sagen, ich bin so glücklich! Hätte ich das Haus nicht gekauft, würde ich solche außerordentlich besonderen Erlebnisse vielleicht nicht gehabt haben. Es ist ein Segen!

Ich schleppe nach und nach lange, breite, kurze, schmale Bretter Richtung Container. Es ist ein bisschen wie Mikado. Ich ziehe hier und da, rate, welches Brett sich wohl bewegt und welches ich herausziehen kann aus dem etwa 3 m hohen Stapel. Meist gewinne ich, und ziehe, mit mir selbst feiernd, das Beutestück hervor. Das Bestapeln der Karre ist nicht ganz so trivial wie ich dachte. Ich teste mich nach REFA Systematik an die optimale Technik heran. Geht schon.



Als ich mit der ersten vollgeladenen Karre an meinen schicken 10CDK heran fahre, freue ich mich auf die Jungferntaufe. Ein großer dunkler Hohlraum schaut mir entgegen, die Wände hoch genug, dass ich direkt hinein laufen kann. Als ich den ersten Schritt hinein getan habe, schlägts mich fast nieder. In dieser Sekunde holt mich ein Kindheitstrauma wieder ein.
"Bettpfanne" denke ich und muss fast brechen.

Als ich 14 Jahre alt war, lag ich mit einem komplizierten Armbruch im Krankenhaus. Da ich schon zu alt war für die Kinderabteilung, was mir zweifellos geschmeichelt hat, erst, wurde ich in ein Zimmer mit zwei etwa 80 Jahre alten Erdenbürgerinnen gelegt. Ich war ans Bett gefesselt, meinen Arm in einem voluminösen Gips mit Blutschläuchen undsoweiterundsofort, ich will mich jetzt gar nicht weiter auslassen. Das allein hat aber nicht das Trauma verursacht.
Also, ich war ans Bett gefesselt. Meine beiden Zimmernachbarinnen auch. Und sie hatten die Gewohnheit des Synchronkackens entwickelt. Vielleicht waren sie durch ihr gemeinsames Schicksal so symbiotisch geworden, dass sie auch in dieser Stunde vereint sein wollten, oder man hatte ihnen zum Essen Abführmittel verpasst, das, dem Beipackzettel treu, pünktlich zur gleichen Zeit ein gemeinsames Bedürfnis entstehen ließ. Man weiß es nicht. Tatsache ist, dass das, was sie von sich gaben, unglaublich ekelhaft gestunken hat. So, wie dieser leere Container hier. Damals konnte ich, festgenagelt an mein Bett, nichts als nichts tun. Heute durfte ich meinen Gefühlen freien Lauf geben.
"Üarrrrrhhhhh, ähhhh, büüüüaarrr. Das ist SOOO widerlich." sagte ich zu mir selbst. Und ließ dann mit jeden hineingeschleuderten Brett die Erinnerung von damals verblassen. Am Ende des Tages, als ich all den Schrott hinein gestopft hatte, war auch der Geruch verschwunden.

Ich habe dann übrigens rebelliert und wurde zu guter Letzt in die Kinderabteilung verlegt. Dort bestand Schwester Friederike darauf, das tägliche Fiebermessen, so wie bei Kindern üblich, im Po zu veranstalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und auch hier: hätte ich das Haus nicht bekommen, hätte diese Geschichte sicherlich noch um Einiges länger unentdeckt in meiner Erinnerung geschmort. Es ist alles so erstaunlich. Toll.

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